22.
08.

Größer, schneller, schöner

Wachstum hat einen hohen Stellenwert in unserem Denken. Kein Wunder, die Finanzierung der gesamten industrialisierten Welt – und in zunehmendem Maß auch der Länder, die dahin aufschließen wollen – basiert auf einer stetigen Zunahme des wirtschaftlichen Ertrags. Darum scheint es plausibel, dem Wachstum auch bei der Zuweisung von Ressourcen hohe Priorität einzuräumen – ein Umstand, der dazu führt, dass die Weltwirtschaft heute rund 160 Prozent der auf der Erde vorhandenen Ressourcen verbraucht. Stopp, was?

Da es diese zusätzlichen 60 Prozent offenkundig nicht gibt, borgen die Menschen heute sie sich von den Menschen in der Zukunft. Die Schwierigkeiten, die das macht, klopfen längst an die Tür. Die Postwachstumsforschung beschäftigt sich darum mit der Frage, was nach dem Wachstum kommen könnte. Aber geht es überhaupt ohne Wachstum? Die Umwandlung von Ressourcen und Energie in Masse, denn genau das ist Wachstum, ist ein Grundmotiv in der Natur: Von Tropfstein über Schimmelpilz bis hin zu Mammutbaum und Mensch wächst fast alles.

In einem Gastbeitrag beim Institut für ökologische Wirtschaftsforschung entwickle ich einige Parallelen zwischen „natürlichem“ und ökonomischem Wachstum (das übrigens durchaus kein „unnatürliches“ ist). Dabei erläutere ich, warum es den ultimativen Drang nach mehr, den „Wachstumsimperativ“ schon in der Natur gibt und sogar geben muss, weil er der Treiber für die Höherentwicklung ist.

Der Aufbruch in eine „zukunftstaugliche“ oder „grüne“, jedenfalls langfristig global nutzbare Wirtschaftsordnung braucht vor allem eins: ein genaues Verständnis davon, was Wachstum eigentlich ist Höchst sinnvoll also, dass sich Experten fächerübergreifend zusammentun und Modelle entwickeln, die das Beste aus allen Disziplinen verbinden. Um das Rad mehrmals neu zu erfinden, ist es nämlich schon ein bisschen spät.

Lesen Sie hier weiter: Mein Beitrag auf dem Postwachstumsblog des IÖW Vom Zwang zu wachsen I und Vom Zwang zu wachsen II.

14.
07.

Ab unter die Erde

Ganz kurz flackerte im Juni ein längst totgeglaubtes Thema auf. So tot, dass weltweit führende Energiekonzerne sich aus der Forschung zurückgezogen haben. Juerg Matter von der Universität Southhampton, UK, und Kollegen stellten in der Zeitschrift Science eine neue Methode der Kohlenstoffspeicherung vor (CCS). Die Idee hinter CCS ist, das Klimagas Kohlendioxid (CO2), das bei der Förderung und Verbrennung fossiler Energieträger entsteht, gar nicht erst in die Luft zu pusten, sondern in unterirdische Lagerstätten zu pumpen. Im norwegischen Gasfeld Sleipner sind so seit 1996 15,5 Millionen Tonnen CO2 „weggesperrt“ worden. Neu an Matters Methode: Das in den Untergrund gepresste Gas mineralisiert binnen weniger Jahre zu Gestein, so dass es selbst bei Erdstößen weder austreten noch ins Grundwasser gelangen kann.
Vor einigen Jahren noch als die elegante, saubere Hoffnung im Kampf gegen den Klimawandel gefeiert, ist CCS durch die rapide günstiger werdende Energiegewinnung aus regenerativen Quellen weitgehend unrentabel geworden. Daran wird auch die neue Methode nichts ändern, sagt Franz May von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover voraus: „Der Wasserverbrauch ist immens und weltweit sind nur zehn Prozent der Böden geeignet“. Das Umweltbundesamt äußert sich ähnlich: Der Ansatz sei eine Nischenoption, die zudem umfassender weiterer Forschung bedarf.
Nichtsdestotrotz sind für das Erreichen einer halbwegs klimastabilen Erdatmosphäre negative Emissionen nötig, d.h. CO2 muss aus der Luft verschwinden. Warum dann das unliebsame Gas nicht einfach einfangen und Geld damit verdienen, dachten sich die Gründer der Firma Climeworks in Zürich. Sie wollen das CO2 binden und an Hersteller von Getränken und Trockeneis verkaufen. Ähnliches haben die Macher von Carbon Engineering in Squamish, British Columbia, im Sinn. Mit einer Art Staubsauger wollen sie der Luft größere Mengen CO2 entziehen, zunächst in Pellets speichern und später zu reinem Gas aufkonzentrieren, um daraus klimaneutralen Treibstoff zu machen. Der Pferdefuß beider Methoden: Sie verbrauchen selbst Energie und darüber hinaus große Mengen derjenigen Ressource, die im Verlauf des Jahrhunderts zum am härtesten umkämpften Rohstoff überhaupt werden wird: Wasser. So retten wir das Klima eher nicht.
CO2 ist der Ausgangspunkt beim Aufbau von allem, was lebt. Die Top-Energielieferanten Kohle, Öl und Gas gehen zurück auf Kohlendioxid, das Pflanzen vor Millionen Jahren aus der Luft gefiltert haben. Werden sie verbrannt, (mehr …)

20.
06.

Integration! Und Palmen.

Die Umweltpolitik muss sich weiterentwickeln, das geht aus einem Gutachten hervor, das der Sachverständigenrat für Umweltfragen am 10. Mai vorgelegt hat. Ministerin Hendricks erklärt dazu, alle Politikbereiche und alle politischen Ebenen müssten sich der gravierenden und komplexer werdenden Umweltprobleme annehmen. „Ein Ministerium und auch nur die Politik allein kann dies nicht leisten.“ Ich könnte nicht mehr zustimmen, besonders wegen der doppelten Entwicklung, die die Ministerin fordert: Die Umweltpolitik muss sich verändern, um schlagkräftiger zu werden, aber auch die anderen Ressorts müssen mehr Interesse an Umweltthemen zeigen. Und über die Politik hinaus: Gesellschaft und Lobbys beider (!) Seiten sind gefordert, das Mauern sein zu lassen und sich im Sinne der Lösungsfindung zusammenzuraufen.

Die Umweltpolitik ist ein in Raum und Zeit sehr stark integrierender Bereich, weil sich Umweltprobleme nicht an Landesgrenzen oder Jahreszahlen halten. Warum sie genau deswegen bei Entscheidungen, die den Horizont einer Legislatur haben, regelmäßig den Kürzeren zieht, habe ich hier umrissen. Doch genau dieser Aspekt ist es, von dem andere Politikbereiche enorm profitieren könnten. Wirtschafts-, Entwicklungs-, Sozial- und Umweltinteressen sind heute nicht mehr voneinander zu trennen. Am Beispiel Palmöl lässt sich das leicht illustrieren.

Vorwiegend in Malaysia und Indonesien, aber auch im tropischen Afrika und Südamerika fällt seit Jahren Regenwald der Schaffung von Ölpalmenplantagen zum Opfer. Das dort produzierte Öl wandert in die Regale der Supermärkte, hier in Deutschland und überall sonst auf der Welt. Jedes zweite Produkt enthält den Rohstoff; seine Eigenschaften in der Verarbeitung machen ihn einzigartig und extrem vielseitig. Palmöl ist dadurch von immensem wirtschaftlichem Gewicht: Entlang der weltumspannenden Wertschöpfungsketten hängen zahllose Arbeitsplätze von sicherem Nachschub ab, Palmölaktien sind eine sichere Geldanlage. Aber Palmöl steht in der Kritik, nicht nur bei Orang-Utan-Freunden, sondern auf höchster umweltpolitischer Ebene. „Der Umwelteinfluss des Klimawandels, der durch die Entwaldung von Borneo verschärft wird, kann schwere Überschwemmungen, Temperaturanstieg, reduzierte landwirtschaftliche Produktivität und andere negativen Auswirkungen zur Folge haben“, heißt es in einem aktuellen Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Brandrodung und Trockenlegung der Torfböden, auf denen die Plantagen entstehen, setzen viel CO2 frei. Zudem stehen Wald und Boden als langfristiger Kohlenstoffspeicher nicht mehr zur Verfügung, ein Problem, das in Zeiten der Diskussion um extrem teure Technologien zu künstlichen CO2-Verpressung durchaus eine ökonomische Dimension entfaltet.

Leider produzieren Ölpalmen nicht nur ein Öl mit besonders günstigen Eigenschaften, sie sind dabei auch noch Effizienzweltmeister. (mehr …)

21.
04.

Ausgeschlafen?

Für meinen Vortrag über Wachstum habe ich meine Nase ganz tief in biologische und ökonomische Literatur gesteckt und bin irgendwie noch nicht wieder ganz aufgetaucht, obwohl der Vortrag schon sechs Wochen zurückliegt. In wildem Ritt habe ich im MDC in Berlin Buch Schüler, Lehrer und immerhin einen anderweitigen Zuhörer quer durch das Wachstum von Zellen, Tieren, Pflanzen, Populationen, Unternehmen und Städten geführt, bis wir bei der Weltbevölkerung und aktuellen makroökonomischen Entwicklungen wieder raus kamen. Ich hatte vorab ein bisschen Sorge, ob das gut geht, aber das Auditorium war voll dabei! „So hab ich mir das noch nie überlegt“, staunte eine Schülerin. „Das ist Ökologie?“ Klar! Interdisziplinarität für Ausgeschlafene.

Allerdings hat jede Erkenntnis, die ich in der Vorbereitung auf den Termin gewinnen konnte, drei neue Fragen aufgeworfen. Also habe ich seither mit einer Reihe von Experten gesprochen und etliche Bücher auf meinen Ganz-dringen-lesen-Stapel gepackt. Oben mit dabei: Nicholas Georgescu-Roegens „The Entropy Law and the Economic Process“. Ergebnisse folgen in Kürze.

Haben Sie auch so einen Stapel? Was liegt bei Ihnen ganz oben drauf?

27.
01.

In den Himmel wachsen

Wachstum und Entwicklung sind die Zauberworte, denen man sich als gesellschaftlich halbwegs interessierter Mensch nur schwer entziehen kann. Beide Begriffe treiben mich schon lange um und werden mich intensiv durch das Jahr 2016 begleiten. Wachstum vor allem, einerseits weil es zunächst leichter greifbar ist und man ja irgendwo anfangen muss, andererseits ganz pragmatisch weil ich eben diesem Vortrag in vier Wochen mit Spannung entgegensehe.

Wachstum ist ein quantitativer Prozess und er bedeutet Veränderung. Für uns Menschen ist Wachstum zentral, weil um uns herum fast alles wächst: Tiere und Pflanzen als unsere Nahrung, Städte, Häuser und Straßennetze als unser Umfeld, Datenübertragungsraten, Bildschirme, Ansprüche und Sorgen. Ach ja, und wir selbst. Auch negatives Wachstum gibt es: Zinsen, Bildung, Nahverkehr, Gletscher, Strände, Regenwald. Und wir selbst, dann ab dem Rentenalter.

Die Wirtschaft muss stetig wachsen, damit ein Staat den Herausforderungen unserer Zeit „gewachsen“ ist, so lautet das Credo, das Medien und Politik noch immer ungebrochen nach außen tragen. Betrachtet man einen Baum, einen Elefanten oder den Berliner Feierabendverkehr, ist schnell klar, dass ewig weiterwachsen nicht die beste Idee ist. Die Verfügbarkeit der notwendigen Ressourcen deckelt die Expansion. Diese wären unter anderem Wasser, Nahrung, Energie und die Tragfähigkeit der eigenen Strukturen. Gut dass die Weltwirtschaft solchen Zwängen nicht unterworfen ist! Oder gibt es irgendwo auf der Welt Probleme mit der Wasserversorgung? Nahrung? Energie? Oder Krisen wegen zusammenbrechender Strukturen? Eben.

In diesem Sinne: Auf ein spannendes, kontroverses, herausforderndes und gesundes Neues Jahr!

PS: Einen hochinteressanten Aufsatz über das Wachsen und Werden des Wachstumsparadigmas hat Ferdinand Knauß geschrieben. Lohnt sich!

 

05.
11.

Herbstupdate

Es ist Herbst, ganz eindeutig. Und mit heißem Tee und Leselampe fällt es zumindest mir gleich viel leichter, mich durch Bücher, Zeitschriften, Zeitungen und das unvermeidliche Internet zu wühlen auf der Suche nach dem Wichtigen und Spannenden aus Umwelt- und Wissenschaftsgeschehen.

In den letzten Wochen durfte ich unter anderem für die Helmholtz-Gemeinschaft darüber schreiben, warum Elefanten so selten Krebs bekommen und für das German Bioimaging Network habe ich mich tief in die neuesten Entwicklungen auf dem Mikroskopie-Markt eingelesen. An beide herzlichen Dank für das Vertrauen; es macht Spaß! Ach ja, und ich war auf einer Ausstellung zum Wissenschaftscomic „Klar soweit?“. Kennen Sie den? Dort habe ich Interessantes über die Möglichkeiten von Comics zur Kommunikation von komplexen Sachverhalten erfahren und alte Bekannte wieder getroffen.

Ansonsten recherchiere ich seit dem Sommer zum Thema ökoevolutionäre Dynamik. Dieses recht junge Forschungsfeld beschäftigt sich damit, wie Umweltveränderungen in die Entwicklungsgeschichte und Bildung von Arten eingreifen. Tier, Pflanze, Pilz, Bakterium – egal! Unser Verhalten verändert die Lebewesen in unserem Umfeld bis hinein in ihre genetische Ausstattung. Ein Blogpost dazu, warum gerade urbane Ballungsräume zu Hotspots der Artbildung zu werden scheinen, ist seit Wochen halbfertig.

Und dann ist da noch eine interdisziplinäre Betrachtung des Begriffes „Wachstum“, die mich seit einiger Zeit beschäftigt. Von der Zellbiologie und dem physiologischen Wachstum über populationsdynamische Modelle arbeite ich mich zur Bevölkerungsentwicklung des Menschen mit ihren ökologischen, ökonomischen, politischen und sozialen Konsequenzen vor. Am 1. März 2016 werde ich darüber einen Vortrag halten und bin selbst schon sehr gespannt, wie die Reise sich im Einzelnen gestalten wird.

Es ist also immer was los und ich freue mich an jedem neuen Einblick, den mir eine Zusammenarbeit eröffnet! Sind Sie übrigens auf Twitter unterwegs? Dort verbreite ich gerne schnell mal Hinweise auf die kleinen und großen Neuigkeiten, die mir begegnen.

Ich wünsche Ihnen wunderbare letzte bunte Herbstlaubtage! Bis bald.

01.
07.

Franziskus und die Vielfalt

Es ist das Jahr des Silbergrünen Bläulings, in dem der Papst seine Enzyklika über die Sorge für das gemeinsame Haus veröffentlicht; das Jahr des Habichts und der Gelbfrüchtigen Schwefelflechte. Es ist auch das Jahr, das die Mitte der UN-Dekade zur biologischen Vielfalt markiert. Oft zur „Biodiversität“ verkürzt, bezeichnet der sperrige Begriff die Mannigfaltigkeit der Lebewesen, Lebensgemeinschaften und Lebensräume der Erde mitsamt der genetischen Variabilität darin. Die Schöpfung eben. Rund 1,4 Millionen Arten sind wissenschaftlich erfasst, mehr als elf Millionen dürften uns noch unbekannt sein. Was ist angesichts dieser Fülle schon ein Schmetterling mehr oder weniger? Den Bewohnern der mikronesischen Insel Guam ist die Komplexität der ökologischen Netzwerke jüngst klargeworden: Eine eingeschleppte Schlangenart hat fast alle Vögel der Insel ausgerottet. In der Folge haben sich Spinnen rasant vermehrt, die wiederum Insekten vertilgen. Nun werden viele Pflanzen nicht mehr bestäubt und tragen keine Früchte – ein blinder Passagier reduziert die Nahrungsmittelproduktion.

Stabilität und Produktivität eines Lebensraums sind Gemeinschaftsleistungen aller Organismen darin. Welchen Einfluss eine einzelne Art auf das Gleichgewicht hat, ist noch immer praktisch nicht vorhersagbar. Mit dem Millenium Ecosystem Assessment liegt seit 2005 erstmals eine umfassende globale Studie darüber vor, von welchen Ökosystemdienstleistungen der Mensch wie sehr abhängig ist. Doch auch zehn Jahre später haben sauberes Wasser und saubere Luft keinen monetären Gegenwert, wird die Bereitstellung von Nahrungsmitteln, Fasern und anderen Rohstoffen nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen beurteilt, nicht aber nach dem Wert der Dienstleistung an sich. Und was nichts kostet, kann nicht wichtig sein.

Wirtschafts- und Sozialleistungen sind untrennbar mit der Unversehrtheit der Natur verbunden, so lautet die Botschaft des Papstes – aus Sicht der Umweltlobby eigentlich ein alter Hut. Neu ist aber, dass der Pontifex eine Zielgruppe erreicht, die für grüne Thesen traditionell wenig empfänglich, dafür aber häufig in Entscheidungsprozesse involviert ist. Aktuell gewinnt die systemorientierte Denkweise ohnehin endlich (!) an politischer Bedeutung, da könnte das päpstliche Manifest für das passende Moment sorgen. In diesem Jahr hat das Bundesamt für Naturschutz gemeinsam mit dem Ecologic Institut eine Studie veröffentlicht, die ökosystembasierte Ansätze im Kampf gegen den Klimawandel und seine Folgen über technische Ansätze stellt. Kostengünstig und effektiv in Bezug auf Klima, Katastrophenvorsorge, Erhaltung der biologischen Vielfalt und nachhaltiges Ressourcenmanagement, würden stabile und intakte Lebensräume und Artengemeinschaften sich auch dann günstig auf uns Menschen auswirken, wenn die Klimaveränderungen weniger gravierend ausfallen sollten, als erwartet. Auf der internationalen Bühne übertönen die Diskussionen zum 2°C-Ziel zwar noch jedes Gespräch über Schlangen und Schmetterlinge, doch Biodiversitätsabkommen und Klimakonvention sollen künftig ebenfalls näher zusammenrücken und in der Praxis ineinandergreifen. (mehr …)

01.
04.

And the winner is…

Biologen arbeiten an der Uni. Oder im Pharmakonzern. Gibt’s da sonst noch was? Das Berufsbild des Biologen ist ebenso verkannt wie vielgestaltig. Mit der Einführung des Bachelor-Master-Systems wurde das nicht besser: Ein unübersichtliches Angebot spezialisierter und interdisziplinär ausgelegter Ausbildungszweige aus dem „Life Science“-Bereich, wie unser Betätigungsfeld auf Neudeutsch heißt, kam mit der Umstellung dazu. Der Übergang in einen sicheren Job wird dadurch nicht leichter. Alle Berufe, in denen Biologen arbeiten, finden ein gemeinsames Dach im Verband Biologie, Biowissenschaften & Biomedizin in Deutschland (VBio). Der VBio informiert Interessierte, vermittelt zwischen Wissenschaft und Anwendung und gestaltet politische Prozesse, um die Arbeitsrealität von Biologen in der Bundesrepublik positiv zu beeinflussen. Denn der wirtschaftlich abgesicherte Elfenbeinturm bietet nur Platz für wenige.

Der VBio leistet sinnvolle Arbeit als Sprachrohr einer unterschätzten Disziplin und steht für eine nahezu unbegrenzte Vielfalt spannender Themen. Darum war ich schnell überzeugt von der Bewerbung um das von mir ausgeschriebene „Türen auf“ –Pro bono-Engagement. Was genau meine Aufgabe sein wird, klärt sich hoffentlich bald. Ich bin sehr gespannt und werde berichten. Genießen Sie den Frühling, aber halten Sie den Schirm gut fest!

17.
02.

Türen auf!

Es geht wieder los! Nach Mama-Zeit und Netzwerk-Umbau habe ich im nicht mehr ganz so neuen Jahr wieder Kapazitäten und Kopf frei für Neues. Rund um Planung und Redaktion von (natur-)wissenschaftlichen Texten, Publikationen und Veranstaltungen biete ich eine Bandbreite von Leistungen an. Meine Stärke: Komplexes begreifbar machen.

Ich schreibe und überarbeite journalistische Texte, Fachartikel, Corporate Publishing-Material und vieles mehr oder begleite meine Kunden lediglich beratend – je nachdem, was gebraucht wird.

Inhaltlich bin ich in den Naturwissenschaften und ganz besonders in der Ökologie zuhause, aber ich schaue auch gerne über den Tellerrand hinaus.

Persönlich am Herzen liegt mir alles, was sich mit zukunftsfähigem Handeln sowie Respekt vor allem Lebenden beschäftigt oder  ganz einfach meine bodenlose Neugier befriedigt. Und weil Organisationen in diesem Bereich oft knapp bei Kasse sind, es mich aber mächtig in den Fingern juckt, verschenke ich ein pro bono-Engagement! Stellen Sie mir bis zum 18. März Ihre Projekte vor; das Spannendste bekommt meinen Einsatz für lau.

Melden Sie sich – ich bin gespannt!

29.
01.

Sozial? Banal. Fatal!

Ein Tagebau wird zugunsten regenerativer Energien geschlossen, hunderte Kumpel verlieren ihre Arbeit: Der Paradekonflikt zwischen Umwelt- und Soziallobby demonstriert scheinbar zweifelsfrei, dass ihre Interessen unvereinbar sind. Interner Zwist und Konkurrenz um Mittel zementieren den Graben zusätzlich. Doch Wälder und Moore degenerieren nicht spontan. Irgendwie hat das ja was mit Menschen zu tun. Dass umgekehrt auch Gesundheit und Wohlbefinden unter fehlender Natur leiden, wird in Ballungsräumen spürbar. Weltweit gärtnern darum Freiwillige auf Brachflächen und Dächern. Sie schaffen das dringend benötigte urbane Grün und rücken dabei generationen- und kulturübergreifend zusammen, übernehmen Verantwortung, lernen. Aber warum fällt die Integration menschlicher Bedürfnisse in Umweltanliegen (und umgekehrt) so schwer? Welches Potenzial hat die Annäherung?

Der Deutsche Naturschutzring (DNR) führt die Willigen in einem „Netzwerk für eine intakte Lebenswelt“ zusammen, um sie zu stärken. Eine Broschüre stellt 22 Projekte, die auf die eine oder andere Art einen Fuß in beiden Welten haben, vor. Beispielsweise die Arbeitsgemeinschaft Natur- und Umweltbildung, die sogenannte bildungsferne Jugendliche an den Rap-4-Rainforest der Tropenwaldstiftung heranführt, um sie mit Vielfalt im Kopf zu versorgen. Gerade zurzeit kann das nicht schaden. Oder die Repaircafés, von denen ich gern mal eins in meiner Nähe hätte, weil in diesem Haushalt immer irgendetwas kaputt ist. Der Mädchengarten freilich wirft bei mir reflexhaft die Frage nach dem Jungsgarten auf – an therapiebedürftigen Großstadtrabauken wird es kaum fehlen. Seltsam wortkarg ist der DNR zum Stichwort Ernährung. Dabei ist Essen die Verbindung von Umwelt und Sozialem schlechthin und obendrein appetitlich vermittelbar. Alles in allem erhärtet sich beim Lesen der Anfangsverdacht, dass jeder Akteur auf einer Insel sitzt und sein eigenes Thema am wichtigsten findet. Das ist kein Wunder: das ökologisch-soziale Feld ist riesig, die Interessen sind divers und das Beschnuppern hat gerade erst begonnen.

Die Ursache für den Argwohn zwischen Umwelt- und Sozialvertretern liegt im Ungleichgewicht der Größenordnungen, in denen sich die Konflikte bewegen. Umweltpolitik bezieht sich in letzter Instanz auf die ganz großen, allumfassenden, die ultimaten Probleme, die sich erst in der Zukunft oder zumindest woanders auswirken. Kaum etwas fühlt sich abstrakter an, als der Klimawandel und weiter weg als die Polkappen, ist nur noch der Mars. Soziale Konflikte dagegen berühren die Lebensrealität jetzt und hier. Armut, Gewalt und Einsamkeit kann man sehen und spüren, das macht sie begreiflich. Aus dieser Ungleichheit resultiert eine spannungsgeladene Prioritätensetzung: Probleme die sich jetzt auswirken, müssen jetzt gelöst werden. Da aber die öffentliche Aufmerksamkeit eine limitierte Ressource ist, geraten dabei langfristige Konflikte immer wieder in den Hintergrund.

„Ökonomie, Ökologie und Soziales müssen zusammen gedacht werden“, sagt Martin Speer, Botschafter der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen. Das ist nicht neu und bringt es doch auf den Punkt. (mehr …)

15.
12.

Geschenkt!

Vor ein paar Jahren war ein Veganer noch ein Freak; einer mit einem unvorstellbar komplizierten Lebenswandel. Heute liegt vegan im Trend und nur wer auf Tierisches verzichtet, geht verantwortungsvoll mit Gesundheit und Umwelt um. Aber Freaks gibt es immer noch: das sind jetzt die Menschen, die auf Plastik verzichten. Total Verrückte mit einem unvorstellbar komplizierten Lebenswandel.

Ich habe mir im Internet Videos von plastikfastenden Familien angeschaut und spätestens bei der Holzklobürste ist meine Schmerzgrenze erreicht. Aber seit ich zum ersten Mal geschälte Bananen in Folie eingeschweißt im Laden gesehen habe, denke ich schon deutlich mehr über Verpackung nach. Europas ersten plastikfreien Onlineshop finde ich jedenfalls super.

Grade so in der Vorweihnachtszeit wäre es aber vielleicht noch besser, öfter mal etwas nicht zu kaufen. Wenn sich partout kein Gegenstand findet, den man mit gutem Gewissen (!) in Geschenkpapier einwickeln kann, dann eben nicht. Die Sache ist ja die: Geld ist für die meisten Menschen längst keine limitierende Ressource mehr. Zeit ist das, was keiner hat, das macht Zeit unfassbar wertvoll. Zeit statt Zeug hat das erkannt und macht prima Vorschläge, wie man auf wunderschön altmodische Weise jemandem seine Wertschätzung entgegenbringen kann. Vorlesen, Fahrrad reparieren, Spazieren gehen. Doofe Geschenke? Finde ich gar nicht.

Mit den Gutscheinen ist es aber so, dass der Respekt vor dem Beschenkten gebietet, dass man sich nach vier Wochen auch noch an das Versprechen erinnert. Denn nichts anderes als ein Versprechen ist ein Gutschein ja. Ein nie eingelöster „Abend zu zweit“ ist ein noch blöderes Geschenk, als eine Holzklobürste.

Was ich ganz übel finde, sind die Plastikkarten, die man inzwischen für alle möglichen Geschäfte erwerben kann. Aussage: „Mir ist nichts eingefallen und ich wollte nichts riskieren und auch nicht weiter nachdenken. Aber in den Laden geht ja jeder ab und zu, also kauf dir was Schönes.“ Sorry, aber dann gebt mir doch lieber den Schein, dann kann ich wenigstens den Wocheneinkauf davon bezahlen, wenn ich grade kein Parfum brauche. Schon wieder Plastik gespart.

Schenken ist ein Risiko, das ist Teil des Konzeptes. Das geht so: „Ich habe über Dich nachgedacht und glaube, das könntest Du mögen.“ Ich bin ja ein großer Verfechter des Selbermaches. Hochriskante Angelegenheit. Aber es macht Spaß und man kommt, wenn man sich an seine Talente hält, erstaunlich gut an bei den meisten Menschen. Wie wär’s zum Beispiel mit diesem Armstrickschal? Das kriegen auch Handarbeitslegastheniker hin. Was ich sagen will ist, dass ein kurzer Moment besinnlichen Innehaltens großartige Ideen hervorbringen kann, die dem Schenkenden wie dem Beschenkten mehr Freude machen, als alles, was man „im Vorbeigehen schnell mitgenommen“ hat. Und man muss dafür noch nicht mal vor die Türe.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Weihnachtszeit! Ich geh dann mal häkeln.

26.
11.

Ahoi mit Meeresmüll

Ganz schön lange ist es hier schon ruhig. Das geht so nicht weiter. Momentan denke ich darüber nach, was die Umweltlobby zum Thema „Soziale Gerechtigkeit“ zu sagen hat. Bis ich damit fertig bin, möchte ich gern auf eine Grafik verweisen, die das UBA gerade getwittert hat. Dass ein Apfelbutzen genauso lang braucht, um zu verrotten, wie ein Baumwoll-T-Shirt hat mich schon überrascht. Wirklich katastrophal ist aber bekanntermaßen die Verweildauer von Plastik in der Umwelt. Einen spannenden Artikel zum Vorkommen von Mikroplastik im Meer und von da aus eigentlich fast überall, hat das UBA ebenfalls veröffentlicht. Die kuschelige Fleece-Jacke ist ein echter Übeltäter! Aber Hoffnung besteht: Studenten der Yale-Universität haben im ecuadorianischen Regenwald zufällig einen Pilz entdeckt, der Plastik verdaut, so schreiben sie in der Zeitschrift Applied and Environmental Microbiology. Wenn der Regenwald lange genug stehen bleibt, um der Sache auf den Grund zu gehen, löst sich das Plastikproblem vielleicht einfach in Wohlgefallen auf.

Solche und ähnliche Verweise auf Dinge, die ich interessant finde, stelle ich auch immer wieder auf meine Facebookseite oder reiche sie bei Twitter weiter. Liken, folgen, weitersagen… und nichts verpassen, was mir auffällt! Und natürlich bis Sonntag einen ökokorrekten Adventskranz besorgen! Ohne Plastik.

23.
06.

Schluss mit Masse!

Der moderne Konsument will individuelle Produkte, maßgeschneidert, passgenau auf die Bedürfnisse abgestimmt. Nicht von der Stange. Und – klar – nachhaltig sollen sie sowieso sein, was auch immer das bedeutet. Aber geht das zusammen, öko und einzigartig?
Für den schönen Schnickschnack von der Handyhülle übers Outfit bis hin zum Polstersessel entwickelt sich – zumal in Städten wie Berlin – eine eigene Kreativszene. Begabte Handwerker, Quereinsteiger und Mütter in der (Kein-)Job-Frust-Falle werkeln da in Hinterhofateliers oder am Küchentisch und treffen in virtuellen Show-Rooms auf ihre Käufer. Die individuelle Produktion nach Kundenwunsch gehört zum Service. Wie öko das Ganze ist, hängt vom Verkäufer ab. Jeder hat seine eigenen Maßstäbe für wichtig und richtig. Zumindest aber kommt für mein neues T-Shirt aus Wanne-Eickel keine Näherin in Bangladesh zu Tode und wenn ich wissen will, welche Farbe für den Aufdruck verwendet wurde, frage ich einfach – und bekomme eine Antwort.
Klar ist aber auch, dass DaWanda nicht das Ende der industriellen Produktion einläuten wird. Im Gegenteil: der Wunsch nach Individualität soll einen neuen Wachstumsschub herbeiführen, so die allgemeine Hoffnung. Industrie 4.0 heißt das Projekt und es ist Chefsache; selbst das BMBF hat Gelder für Forschung bereitgestellt. Die Idee? Eingebettete Kommunikationssysteme in Produktionsstraßen machen menschliches Eingreifen weitgehend überflüssig: Die Werkstücke kommunizieren via Chip mit den Anlagen, finden freie Stationen und lassen sich nach individuellem Bauplan komplettieren. Klingt zukunftsträchtig technologisch und innovativ. Eine Stichwortsuche nach „Industrie 4.0 und Nachhaltigkeit“ liefert dagegen enttäuschend wenige brauchbare Treffer. Ein häufiges Argument ist die Effizienzsteigerung in automatisierten Anlagen. Dass die Einsparungen eingesetzt werden, um Bäume zu pflanzen, sehe ich allerdings vorläufig nicht – auch nicht, dass sie den initialen Ressourcenaufwand rechtfertigen.
Wo also geht die Reise hin? In der Industrie werden immer mehr Menschen durch Technik ersetzt und produzieren fortan in Heimarbeit schönen Schnickschnack. Beides im Zeichen der Individualität des Produktes. Wie nachhaltig die Zukunft wird, entscheidet aber – in beiden Fällen – wie eh und je der Käufer.

27.
05.

Forschung für alle!

Was…? Warum…? Und wie überhaupt…?
Fast jeder Mensch stellt sich irgendwann einmal in irgendeinem Zusammenhang die Fragen, die das täglich Brot der Forscher im Elfenbeinturm sind. Und nimmt sich selbst dann nicht ernst genug, um dran zu bleiben und Antworten zu finden. Das ist schade, denn viele der ganz großen Forscher waren zunächst einmal nichts weiter als neugierige Zeitgenossen, die Fragen stellten. Hobbyexperimentatoren, wenn man so will. Benjamin Franklin war Verleger, Goethe Schriftsteller und Maria Sybilla Merian Künstlerin. Trotzdem haben sich alle drei um die Naturwissenschaft verdient gemacht.
Manch einer fühlt sich vielleicht auch einfach alleine der Sache nicht gewachsen. Deshalb gibt es eine Plattform, die den Otto-Normal-Bürger dazu einlädt, sich aktiv am Forschungsgeschehen in Deutschland zu beteiligen. Bürger schaffen Wissen heißt das Projekt. Es steht im Kontext der Citizen Science-Bewegung und wird gefördert vom BMBF und dem Stifterverband der Deutschen Wissenschaft. Natur-, sozial- oder geisteswissenschaftliche sowie technische Projekte stehen zum Mitmachen zur Wahl. Manche Aktionen sind ortsgebunden, wie das Projekt Wissensdinge, das Geschichten und Beobachtungen aus dem Museum für Naturkunde in Berlin sammelt, andere sind ortsunabhängig. So zum Beispiel die Erforschung der Meilensteine in der motorischen Entwicklung von Kleinkindern. Betreut und ausgewertet werden die Initiativen von „echten“ Forschern und die Ergebnisse finden, wo immer möglich, Eingang in deren Arbeit. Ähnlich funktioniert auch die „Stunde der Gartenvögel“ – eine Aktion des Naturschutzbund Deutschland, in deren Rahmen landauf landab ein Wochenende lang Naturfreunde Vögel zählen. Und die Ergebnisse sind erstaunlich präzise, aussagekräftig und repräsentativ!
Citizen Science lädt jeden zum Mitmachen ein. Besonders angesprochen sind aber Schulklassen. Die Idee: die Projektarbeit im Unterricht in einen größeren Sinnzusammenhang einzubetten und den Schülern Lust auf mehr zu machen.

21.
05.

Teilen ist das neue Haben

Carsharing, Kleidertausch, Werkzeugverleih: Teilen ist in. Das gilt zwar nicht erst seit gestern, schließlich sind Mitfahrzentralen seit Jahrzehnten eine Institution. Aber es sieht so aus, als hätten ausgerechnet das Internet und die Sozialen Medien, aka Shoppingpromoter und Kommunikationskiller, das Teilen auf ein neues Level gehoben. Dinge gemeinschaftlich zu nutzen ist nicht länger ein Ideal irgendwie filziger Randgruppen, sondern es rückt in die Mitte der Gesellschaft. Die „Generation facebook“ hat in Bezug auf das Teilen eine Selbstverständlichkeit entwickelt, die noch vor wenigen Jahren undenkbar war. Und laut einer von der Heinrich Böll-Stiftung herausgegebenen Studie, schlägt sich diese Denkweise auch in der abnehmenden Bedeutung von Eigentum als Statussymbol nieder. Zukunftsforscher bestätigen das: statt Güter anzuhäufen wird es jungen Menschen immer wichtiger, flexibel zu sein und – ja – sich nicht mit Verantwortung für alle möglichen Gegenstände zu belasten. Ein Carsharing-Auto muss ich nicht warten lassen, ich muss es nicht putzen und meist noch nicht mal den Tank füllen. Ich nutze es einfach, wenn ich es brauche (und bezahle auch nur das).
Schön ist, dass sich dieser Trend inzwischen auch offline fortsetzt. So kann man zum Beispiel von einem schweizerischen Designprojekt Aufkleber für den eigenen Briefkasten beziehen, die zeigen, was man selbst in der Nachbarschaft verleihen würde. Vom Hammer bis zur Dicokugel. Wenn das mal nicht zu Gesprächen im Hausflur führt!
Was bringt das Ganze? Gesellschaftlich gesehen natürlich Ressourceneinsparungen, aber das dürfte für den Einzelnen kaum die Hauptmotivation sein. Es spart schlicht Geld, das man für anderes ausgeben kann und wirkt gegen die Anonymität im Großstadtdschungel. Außerdem hat Mensch via Teilen Zugang zu Dingen, die ihm sonst möglicherweise verwehrt blieben, weil er sie sich nicht leisten könnte.
Fraglos bleibt die Bewegung, wenn man das kollektive Nutzen so nennen möchte, noch immer auf bestimmte Teile der Gesellschaft beschränkt. Andere Gruppen ziehen nach wie vor einen größeren Imagegewinn daraus, minderwertige Produkte selbst zu besitzen, als qualitativ hochwertige zu leihen. Das ist nicht verwunderlich, steckt dahinter doch eine beträchtliche industrielle Macht und werberisches Geschick. In der Gesamtschau aber fällt es jungen Menschen heute leichter, Dinge zu verborgen und davon auszugehen, dass sie ihr Eigentum unversehrt zurückerhalten. Das Motto: Ressourcen (auch eigene!) schonen und vertrauen. Schöne neue Welt? Nein. Cleveres urbanes Miteinander!

07.
05.

Das Müsli-Missverständnis

Ein Ökologe ist ein scheuklappenbewehrter Umweltschützer, ein militanter Schlauchbootfahrer und verschrobener Müsliesser, ein cordbehoster Käfersammler. So die allgemeine Wahrnehmung. Ein Vordenker der Wirtschaft ist er jedenfalls nicht. Und mit Statistik, Modellrechnunge und Transferwissen bringt ihn sicher niemand in Verbindung. Zwar fallen mir durchaus Kollegen ein, die durch die erstgenannten Attribute ganz gut charakterisiert sind, aber das ist eben nur die halbe Wahrheit.
Die Ökologie, so Ernst Haeckel anno 1866, ist die Wissenschaft der Beziehungen eines Lebewesens mit seiner Umwelt. Moderne Definitionen werden konkreter: Dort geht es um die Verteilung und Häufigkeit von Lebewesen, ihre Interaktionen sowie Nutzung und Fluss von Rohstoffen und Energie. Gemeinhin ist es beim Menschen zwar nicht sehr populär, sich als „Lebewesen in seiner Umwelt“ zu verstehen. Das ist zu wenig besonders. Gleichwohl mehren sich angesichts der genannten Schlagworte die Anzeichen, dass das wenig Besondere der Realität ziemlich nahe kommt.
Im bunt zusammengewürfelten, stellenweise schwammig aufgedunsenen Miteinander der Nachhaltigkeitsverfechter gibt es einige wenige, die diesen natürlichen Zusammenhang zum Mittelpunkt ihres Denkens gemacht haben. Sie kommen aus den unterschiedlichsten Disziplinen und arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin: Ökologie und Ökonomie vereinbar zu machen.
Wachstum, Wettbewerb, Werbung und dergleichen sind ureigene ökologische Prinzipien. Seit mehr als hundert Jahren untersucht, beschrieben und mathematisch auf vielfältige Weise modelliert. Es ist schiere Arroganz, dieses Wissen nicht zu nutzen und stattdessen in wirtschaftlichen Krisensituationen das Rad neu erfinden zu wollen. Nur um besonderer zu sein, als all die anderen Lebewesen.
Leider ist es durchaus nicht so, dass der Durchschnittsökologe, der Wissenschaftler meine ich, darauf brennt, seine Kenntnisse in den Dienst der Wirtschaft zu stellen. (mehr …)